Buchtip: Wir müssen leider draußen bleiben: Die neue Armut in der Konsumgesellschaft

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Immer mehr Bürger in Deutschland sind vom wirtschaftlichen Reichtum des Landes ausgeschlossen. Nicht nur Arbeitslose oder Rentner, auch viele Menschen, die sich in einer Endlosspirale von Billigjobs und Zeitarbeit befinden. Früher konnten sie sich nicht nur der sozialstaatlichen Unterstützung, sondern auch einer gewissen Solidarität sicher sein. Doch damit ist es nun vorbei… Diagnosen über die das Ende des Sozialstaats gibt es viele. Kathrin Hartmann hat ein Buch geschrieben in dem wir schmerzlich vor Augen geführt bekommen, das in der “neuen” Konsumgesellschaft inzwischen sogar Solidarität zum Produkt geworden ist; und zwar zu einem mit dem sich hervorragend Kasse machen lässt.

Mit “Ende der Märchenstunde: Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt” hat Kathrin Hartmann bereits eine Eindrucksvolle Darstellung vorgelegt, in der aufgezeigt wird, auf welche Art und Weise die Konsumgesellschaft unverhofft uns ureigene Lebensbereiche assimilieren kann und zwar ohne das wir das wirklich mitbekommen. Mit ihrem  zweiten Buch
skizziert die frühere Redakteurin der Frankfurter Rundschau und ehemalige NEON Autorin diese Entwicklung weiter.

Das Bild von Armut hat sich verändert! In der vorindustriellen Zeit war es noch keine Schande zu denen zu gehören, die auf Mildtätigkeit der Gesellschaft angewiesen waren.

Sicher gab es auch damals erstrebenswertere Zustände und auch die Solidarität, die die Mittellosen erfuhren, hatte ganz bestimmt seinerzeit ebenfalls schon ihren  Selbstzweck.

Kathrin Hartmann
Kathrin Hartmann

In der neoliberalen Konsumgesellschaft ist Armut jedoch das Sinnbild für persönliches Scheitern geworden, sowie ein Distinktionsgewinn für die aufstrebende Mittelschicht, in der zunehmend von oben nach unten getreten wird.
Kathrin Hartmann findet hier die passenden Veranschaulichungen. “Ersetzt man etwa das Wort “Arme” durch “Arbeitslose oder “Hartz IV” Empfänger” kann man nachspüren, wie sich der Kontext hier von Mitgefühl in Richtung Schuldzuweisung verändert hat.

An diversen Beispielen verdeutlicht das Buch wie sich diese Schuldzuweisung in einer sozialen Spaltung der Gesellschaft manifestiert, beispielsweise etwa in der Stadtplanung und Gestaltung (Frankfurt, Berlin), in der Schulpolitik (der Protest gegen die Schulreform in Hamburg), in der Behandlung von jugendlichen Gewalttätern, in der Arbeitswelt (Zeitarbeit, Aufstocker).

Ein nicht unwesentlicher Teil dieser Spaltung vollzieht sich zudem im Konsum.
Längst haben sich begriffe wie “Billigkonsum” oder “Unterschichten TV” als feste und aburteilende Produkte im Leben des Konsumenten etabliert. Sie bieten ein gutes Fundament um sich nach unten abzugrenzen und den finanziell schlechter gestellten in seine Schranken zu weisen.*

Es ist nichts Neues, das gemeinsam mit dem Abbau des Sozialstaates die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, und auch das die finanziell und sozial schlechter gestellten Bürger in Deutschland weniger Aufstiegschancen haben als andere ist längst eine Binsenweisheit im gesellschaftlichen Diskurs geworden.

Dieser Entwicklung Einhalt zu gebären ist sollte eigentlich die Aufgabe der Politik sein.
In einer ausführlichen Reportage über die Funktionsweisen der Tafeln in Deutschland zeigt Hartmann auf, dass die Politik sich inzwischen mit den solidarischen Bemühen einer “sozialen Bewegung” zufrieden gibt, die eigentlich viel mehr tun müsste als nur Essen auszugeben.
Stattdessen zementieren Politik und Unternehmen gemeinsam einen Status der “Mittellosen”, der nicht nur nicht mehr skandalös ist, sondern von der Industrie und den gesellschaftlichen Eliten sogar gebraucht wird.
Hartmann entlarvt die Etablierung der Tafeln in Deutschland als “politische Bankrotterklärung” und als eine Ökonomisierung von sozialer Ungerechtigkeit im Deckmantel der gelebten Solidarität auf eindrucksvolle Weise.

Das diese “Solidarität im Schafspelz” inzwischen zu einem Exportschlager geworden ist zeigt Kathrin Hartman im zweiten großen Teil des Buches auf. Hier widmet sie sich dem System der Mikrofinanzindustrie.
Dieser Blick über den Tellerrand ist aus zwei Gründen angebracht. Zum einen veranschaulicht er uns einmal mehr, dass “relative Armut” auch in den ärmsten Ländern der Welt zu großen Teilen ein sozial bedingtes Phänomen ist und zum anderen, dass die Privatisierung von sozialem Engagement letzendes immer ein Zugeständnis an das Wachstum eines Marktes ist, vom dem nur die stärkeren profitieren.

Hartmann ist für diese Reportage mehrfach nach Bangladesch gereist, um die Auswirkungen der Idee von Muhammad Yunus in Augenschein zu nehmen, für die der Wirtschaftswissenschaftler 2006 den Friedensnobelpreis bekommen hat.
Seine Vision der Mikrokredite wurde zunächst weltweit von Ökonomen und Unternehmen gefeiert.
Die Vergabe vom Mikrokrediten macht auch die ärmsten zu Konsumenten und selbständigen Unternehmern in einem eigens dafür importierten Kapitalismus.
Die Beschreibung der Auswirkungen von Mikrokrediten, geschieht anhand von Interviews von Betroffenen und zieht eine Parallele zurück in den westlichen “Mikrokosmos” in dem gesellschaftliche Meinungsbilder ebenfalls hauptsächlich von Eliten artikuliert werden.

Auch heutzutage ist Geben zwar noch immer seliger denn Nehmen. Doch die Konstanten unter denen dies passiert haben sich jedoch verändert.
Aus diesem System auszubrechen ist im kleinen sicher manchmal noch möglich, im größeren Kontext wohl eher nicht.

Eine Lösung für das Dilemma hat auch Kathrin Hartmann nicht in der Hinterhand.
Doch wie so häufig ist es auch hier wichtig Kritik zu üben und sich bewusst zu werden über das was um uns herum passiert, mehr bleibt uns manchmal nicht!
Ein gutes und wichtiges Buch…

 * wen das Thema Soziale Ungleichheit in Produktdesign interessiert, dem empfehle ich das Buch Alles nur Konsum: Kritik der warenästhetischen Erziehung von Wolfgang Ulrich

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