Überlegungen zum digitalen Panopticon!

large.panopticon

Kürzlich bin ich auf eine interessante Übersetzung des Konstrukts des Panopticons von Jeremy Bentham, in das Phänomen der  der digitalen Gesellschaft gestoßen. Aus der lassen sich so einige interessante Sichtweisen auf unser Verhalten im Netz ableiten!
Das “digitale Panopticon” stellt einen Ort der abstrakten Arbeit dar, an dem es nicht mehr und nicht weniger zu verdienen gibt als Existenz.

Der Philosoph Jeremy Bentham entwickelte im 18. Jhd. ein Modell, für den Bau von Fabriken und Gefängnissen, dass beispielhaft ist für die effizienteste aller Machstrukturen.
Die Idee zu einem solchen Gebäude kann als die Verwirklichung der architektonischen Kontrollgesellschaft verstanden werden.

Der Aufseher in der Mitte eines sternförmigen Baus sieht in jede Zelle und beobachtet jeden Gefangenen/Arbeiter. Diese wiederum können den Aufseher nicht wahrnehmen und bleiben auch voneinander isoliert.
Für die Gefangenen/Arbeiter herrscht ein Zustand ständiger Überwachung bei gleichzeitig fehlender Information darüber, was die anderen Insassen/Arbeiter gerade tun oder unterlassen.
Der Aufseher allein hingegen genießt das Privileg der vollständigen Transparenz.

Modell des Panoticons nach Bentham

Durch so eine Bauweise kann mit minimalem personellem Einsatz (ein einziger Aufseher), die maximal zu erwartende Kontrolle über die Insassen/Arbeiter erzeugt werden.
Da der Einzelne Insasse/Arbeiter den Aufseher nicht sehen kann, weiss er auch nicht ob dieser gerade direkt auf ihn blickt oder nicht.
Der Einzelne kann sich zudem auch nicht mit den anderen Insassen verständigen, oder sie sehen. So ist auch eine Zusammenarbeit der Insassen untereinander unmöglich.
Effizienter kann eine Machtstruktur nicht funktionieren.
Der französische Philosoph Michel Foucault schrieb dazu in “Überwachen und Strafen, 1977

“… the Panopticum must not be understood as a dream building: it is the diagram of a mechanism of Power reduced to its ideal form”

Wenn eine Fabrik oder ein Gefängnis auf diese Weise konstruiert ist, bleibt dem Arbeiter nichts anderes übrig als zumindest noch auf einen gerechten Lohn zu hoffen, dem Gefangenen, auf den fairen Prozess.
Persönliche Freiheit existiert nicht mehr. Einzig und allein den Regeln innerhalb des Panopticons zu folgen (also richtig zu arbeiten) lässt den einzelnen nicht auffällig werden.

Insassen oder Arbeiter in einem Panopticon sind vollständig der Macht des Aufsehers unterworfen.
Dieses Modell weisst starke Parallelen zur digitalen Gesellschaft von heute auf, wenn auch mit einem kleinen Unterschied!

 

Das digitale Panopticon

Agieren in der digitalen Welt bleibt genauso wie, das Arbeiten in einem Panopticon nicht ungesehen.
Nur ist es hier nicht ein einzelner Aufseher, der unsere Aktivität im Blick hat, sondern es sind die potenziellen Blicke aller anderen Teilnehmer der digitalen Vernetzung.
Wer heute einen Status in einem sozialen Netzwerk postet, tut dies unter der potenziellen Beobachtung aller anderen sich ebenfalls selbst regulierenden Menschen im Netz.
Wir können das Gegenüber nicht sehen, wissen folglich auch nicht ob wir tatsächlich beobachtet werden, verhalten uns jedoch genauso als würden wir permanent überwacht!

Grundsätzlich Bedarf es im digitalen Panopticon, also keiner zentralen Instanz in Form eines alles registirerenden Aufsehers.
Dadurch, dass wir uns alle quasi permanent selbst und gegenseitig beobachten (aber uns nicht sehen können)  entsteht die selbe Dynamik wie im architektonischen Panopticon oben beschrieben.

Doch es gibt Nutznießer!
Während Fabrikarbeiter in einem Panopticon für ihren ausgehandelten Lohn schuften, verrichten die Menschen im Netz heute Arbeit für die großen Internet-Konzerne sowie, wie sich im letzten Jahr besonders auf besonders erschreckende Art und Weise offenbart hat, ebenfalls für den Überwachungsstaat.

Wir produzieren laufend Informationen für die Algorythmen von Überwachungsprogrammen, Werbung und Industrie, und werden zunehmend transparenter für alle anderen  Menschen im Netz.

Das digitale Panopticon ist dabei jedoch gerade nicht vergleichbar mit einer Anstalt oder einem Gefängnis. Niemand ist gezwungen dort “zu arbeiten”.
Doch warum tun die meisten Menschen es dennoch? Warum unterwerfen wir uns einem Prozess, der objektiv betrachtet einer “Selbstausbeutung des Selbst” gleich kommt?

Die Lösung liegt auf der Hand: Dadurch, dass wir uns alle permanent Gegenseitig beobachten, werden wir eben auch (zumindest theoretisch) gesehen.
Formuliert man es positiv, bedeutet beispielsweise der Verzicht auf ein Facebook-Konto, ein “nicht Teilnehmen”!
“Nicht Teilnehmen” als bewusste Entscheidung, lässt sich allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt verwirklichen.
Über dem Aspekt des “Nicht Teilnehmens” schwebt auch immer das Damoklesschwert des “Ausgeschlossen Werdens”.
Kein Facebook-Konto zu haben bedeutet nämlich nicht auch gleichzeitig kein Instagram, Twitter, Whatsapp oder Email-Konto zu haben (um nur einige zu nennen).

Wer kennt nicht Leute die sich heutzutage noch immer ohne Smartphone durchschlagen, und denen so langsam aber sicher wirklich niemand mehr SMS schreiben will um sie Up to Date zu halten.

Doch nun wird es spannend!
Die zunehmende Verlagerung unserer Identität ins “Digitale”, die nicht zuletzt eines massiv erweiterten Kommunikationsumfeldes (der Welt) geschuldet ist, sorgt nämlich dafür, dass wir von solchen Diensten wie den angesprochenen, mehr wollen als pure Information: Wir wollen uns Darstellen und wahrgenommen werden!
Ein gutes Beispiel dafür ist der Messenger “WhatsApp” Ursprünglich als internetbasierter Ersatz für die SMS konzipiert (also zur klassischen Kommunikation von Menschen die sonst telefonieren oder eben SMS schreiben würden), wird der Dienst inzwischen als Chat unter Fremden genutzt, die sich in Gruppen zusammenfinden die persönliche Interessen des einzelnen ansprechen oder eben zu ihm passen.
Auch in der Kommunikation unter Menschen die sich persönlich kennen wird WhatsApp von vielen eher wie ein Soziales Netzwerk genutzt.
So versehen die Nutzer ihren Account mit wechselnden Statusmeldungen oder Profilbildern.
Man weiss eben, dass man gesehen wird, und möchte sich natürlich von seiner Schokoladenseite zeigen!
Würde die Architektur von WhatsApp noch mehr Möglichkeiten zur Transparentmachung des Selbst ermöglichen, kann man sicher davon ausgehen, dass dies auch genutzt werden würde.

Dafür braucht man nur einen Blick hinüber zum Tummelplatz des “digitalen Selbstmanagements” namens Facebook zu werfen.
Egal mit was für absurden Ideen die Macher der Plattform in der Vergangenheit auch daher gekommen sind, mit der Zeit wurde alles angenommen.

Verkürzt könnte man es auf die Formel bringen: Wer auf (auf lange Sicht) nicht produktiv ist im digitalen Selbstmanagement, der Existiert auch nicht!

Digitales Selbstmanagement verlangt in zunehmendem Maße ein offenlegen der eigenen Persönlichkeit in allen nur denkbaren Belangen.
Aktuell ist dies gut an der anstehenden Migration der eigenen körperlichen Konstitution (quantified self) in das digitale Netzwerk zu beobachten (bald auch im großen Stil durch Apple Healthkit und die Apple Watch).

Was an vielen Stellen (noch) wie ein “nicht Teilnehmen” aussieht bedeutet  vermutlich in absehbarer Zeit, immer mehr ein “Ausgeschlossen werden” und für alle die dann ausgeschlossen sind, wäre das in zugespitzter Form dann ein “Nicht existieren”!

Auch wenn wir das nicht immer wollen, unterwerfen wir uns doch im kleinen und größeren der Machtstruktur des digitalen Panopticons.
Die Ernte unserer digitalen “Arbeit” fahren andere ein und diese können wir noch nicht einmal mehr als die verhassten Aufseher titulieren (zumindest nicht offiziell). Das verrückte dabei ist, das wir uns dabei alles andere als unterworfen fühlen, sondern gut!

Denn je mehr wir von uns Preisgeben, desto mehr werden wir wahrgenommen, sind existent im  virtuellen Teil der Welt, der bei uns und anderen einen immer größeren Stellenwert inne hat.

zum Nachhören!
Die maßgebliche Anregung zu diesem Beitrag stammt aus der aktuellen Episode der Sendung Essay und Diskurs im Deutschlandfunk, die hier nachzuhören ist!

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