Das Netz und das Ich, Gedanken zur Digitalisierung des Selbst!

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Niemand kann sich heute der Tatache verschließen, dass das Internet ein Identifikations-Raum geworden ist.
Nicht nur wir selbst präsentieren uns in allen erdenklichen Formen im Netz, sondern auch unser Status als Bürger wird dort vorgehalten, verwaltet und kommuniziert.
Wer man ist oder nicht, ist schon lange auch eine virtuelle Frage geworden. Die Gründe für unseren Umgang mit diesem Status Quo, sind jedoch nicht so offensichtlich wie oft postuliert wird. Ein Erklärungsversuch!

Was sagt die eigene Internetpräsens über die reale Person dahinter aus? Ansätze, über das Thema Identität, füllen ganze Seminarreihen, meterlange Buchregale und blicken zurück auf eine kontroverse und vielschichtige Denktradition.

An dieser Stelle soll es ungeachtet dessen lediglich um zwei Thesen gehen, die meiner Meinung nach den Kern der heutigen Auseinnandersetzung mit dem Netz und dem Ich beschreiben und mit denen jeder einzelne von uns ständig konfrontiert ist.

Die erste These stammt vielleicht aus einem, für manche in vielerlei Hinsicht antiquierten, Alltagsverständnis, dass jedoch vermutlich selbst der ersten Generation der sog. Digital Natives mit auf ihren sozialisatorischen Werdegang gegeben worden ist.

Die Digitaisierung des Ich, ist eine Bedrohung für die Gesellschaft!

Solch ein Schreckenszenario wird in der öffentlichen Diskussion in erster Linie in Zusammenhang mit Datenmißbrauch diskutiert.
Was wäre, wenn sich unbefugte kriminelle Zugriff über die Gigabyte an persönlichen Daten verschaffen, die wir im Netz anhäufen und diese zu unserem Nachteil einsetzen? Wenn sich der Staat ohne unser Mitwissen an unsere privaten virtuellen Besitztümer rührt, für ein Wohl der Gesellschaft, das vielleicht überhaupt nicht mit unseren Moralvorstellungen übereinstimmt?

Angesichts eines vermeintlich entblößt darliegenden weltweit operierenden staatlichen Überwachungsapparats und steigender Angriffe auf die Sicherheit der Betriebssysteme auf unseren Smartphones, ist diese Angst sicher nicht weit hergeholt.

Sprechen wir jedoch von Identität, und das tun eigentlich die meisten wenn sie z.B. über ihre Beteiligung in sozialen Netzwerken, Kontaktbörsen, Blogging-Plattformen, Foren oder Messengern sinnieren, dann offenbart sich ein anderer Begründungszusammenhang für oben genannte These.

Die Gefahr vor Datenmißbrauch ist zweifelsfrei eines der Probleme des Internetzeitalters. Die Verweigerung oder Skepsis vor der Digitalisierung des Ich, beruht jedoch in erster Linie auf einem veralteten Konzept von Authentizität, welches der (neue) Kommunikationshorizont des virtuellen Teils der Welt noch nicht gesamtgesellschaftlich überschreiben konnte.
In diesem Konzept gilt das, was man selbst nicht sehen und anfassen kann, was nicht naturgegeben, sondern technisch konstruiert ist, was nur in unseren Köpfen besteht, eben virtuell ist, noch immer als weniger maßgeblich.

Wenn das Netzwerk also nicht in der Lage sein soll, uns und unsere Identität so umfassend zu beschreiben, dass wir uns selbst authentisch fühlen können, dann nimmt die die Aussicht auf die Erfassung unserer Privatsphäre im Netz schnell dystopische Züge an.

Die von vielen wahrgnommende Bedrohung der Gesellschaft durch die Digitalisierung des Ichwird also vielleicht nur in zweitrangiger Linie durch die Angst vor Datenkriminalität und dem Mißbrauch der Persönlichkeitsrechte durch die Politik bedient.
Das würde zumindest den fehlenden Aufschrei und das immernoch ausbleibende Engagement der großen Masse, für die Ereignisse der Post-Snowden-Ära erklären.

Die zweite These, auf die ich zu sprechen kommen möchte spinnt diesen Gedanken noch etwas weiter und dürfte, zumindest im konservativen Lager für Kopfschütteln sorgen.

Die Digitalisierung des Ich, ist heute die Grundlage für authentische Identitätsaussagen!

Seitdem die Menschen damit begonnen haben, dass Internet zur Kommunikation zu nutzen, haben sie auch damit angefangen Identitätsaussagen zu machen.
In dem Moment, in dem die Email Einzug in die Arbeitswelt erhielt, wurde ein virtueller Raum geschaffen, der quasi erodierte Persönlichkeitsanteile ihrer Schöpfer mit transportiert und speichert.
Heutzutage hat sich dieser Raum in einem nie gekannten Maße ausdifferenziert. Wer sich nur einen rudimentären Überblick über das Angebot von sozialen Netzwerken oder für den privaten, beruflichen oder den Bereich von Spezialinteressen verschafft, wird förmlich mit Angeboten überschüttet.
Eigene Erfahrungen mit diesen haben, wenn man mal grob überschlägt, wohl neun von zehn Leuten gemacht.

Doch warum soll dieser virtuelle Raum mehr Informationen über die Subjekte liefern, als der persönliche Umgang?

Die Antwort liegt auf der Hand: Der virtuelle Raum ist öffentlich! In gewisser Weise ist er öffentlicher als Gespräche im Büro oder auf der Straße.
Natürlich gibt es in jedem Netzwerk Privatsphäre-Einstellungen, doch potenziell ist man meistens in der Lage Dinge über den andern herauszufinden, die dieser einem persönlich nicht ungedingt sagen würde, und sei es nur aus Zeitgründen.

Im Netz herrscht trotz aller Skandale noch immer der Habitus einer freien und öffentlichen Kommunikation.
Wie diese Öffentlichkeit aufrecht erhalten wird habe ich anderer Stelle versucht zu beschreiben und würde hier jetzt etwas zu weit führen.
Über das Netz ist es, aufgrund der Masse an Usern, viel einfacher möglich, dass sich Individuen treffen, die die gleichen Interessen und Werte teilen und die in „Gesellschaft“ dieser zu unverstellten, authentischen Identitätsaussagen bereit sind.

Passend dazu habe ich kürzlich ein gutes Beispiel gelesen: Wenn sich ein Manager mit seinen Kollegen im Büro über die Politik in der Ukraine unterhält, und abends Katzenbilder auf Facebook liked, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Katzenbilder eine authentischere Aussage als das Bürogespräch über sein Ich machen durchaus hoch.

Vielleicht ist es genau das, was die These der Bedrohung fer Gesellschaft durch die Digitalisierung des Ich eigentlich am treffensten beschreibt.

Sag was dazu!