Die Welt unter einem Dach: Leben im Chungking Mansions

20131110-083951.jpg

Für diese Woche wohnen wir in Hongkong im sog. Chunking Mansion mitten auf der belebten Nathan Road im Kowloon. In einschlägiger Reiseliteratur wird das Chungking Mansion oft als das “Mekka der Billigunterkünfte” gehandelt.
Für Hongkong-Verhältnisse stimmt das sicherlich, doch das Chungking Mansion war in seiner Geschichte weit mehr als das und ist auch heute noch ein Phänomen der besonderen Art.

Ich habe mal ein bisschen recherchiert um genauer zu erfahren worauf das besondere Flair zurückzuführen ist, was sofort auf mich übergesprungen ist als wir das Chunking Mansions betreten haben.
Das siebzehnstöckige Hochhaus im Herzen des flirrenden Stadtteils Kowloon könnte kaum eine bessere Lage haben. Diese ist es wohl auch die das heruntergekommene im Jahr 1962 erbaute Gebäude über die Jahre hinweg zu einem Anziehungspunkt gemacht hat.

Einst als gehobenes Wohn- und Geschäftshaus errichtet verloren die Wohneinheiten aufgrund der unübersichtlichen Bauweise jedoch schnell an Wert und die meisten Eigentümer zogen sich zurück. Viele der ehemaligen Wohnungen wurden dann zu Unterkünften umgebaut. Während des Vietnamkrieges stiegen viele amerikanische in Hongkong stationierte Soldaten dort ab um sich dort mit Prostituierten zu treffen.
Der schlechte Ruf des Chungking Mansions wurde in dieser Zeit durch immer wieder auftretende Brände und das überlastete Leitungssystem des Gebäudes, dass einfach nicht für die Nutzung als “Hotel” ausgelegt war, noch verstärkt.20131110-085327.jpg In den 80er Jahren avancierte das marode Gebäude zum zwielichtigsten Platz der Nathan Road.
So beschreibt der in in Hongkong aufgewachsene Filmregisseur Wong Kar Wei, seine Assoziationen zu damaliger Zeit wie folgt: “meine Eltern haben mir früher immer verboten mich in der Nähe des Chungking Mansions aufzuhalten.
Da werde ich nur auf die schiefe Bahn geraten!” Im Jahr 1994 feiert er dann seinen internationalen Durchbruch mit dem Film “Chunking Express”, der zu Teilen im Chunking Mansion spielt und damit dem großen Publikum einen künstlerischen Einblick in die Szene gewährt.
In der Tat wurden im Chungking Mansions seinerzeit wohl nicht wenige krumme Geschäfte abgewickelt. Neben Prostitution gab es dort auch Drogenhandel, Schwarzarbeit illegaler Einwanderer und es wurden zahlreiche nicht registrierte Gästehäuser und Restaurants betrieben.

Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten, bei denen auch eine Gebäudeweite Kameraanlage installiert wurde ist der Komplex in den 90ern wieder in seinem Ansehen gestiegen. Der Wissenschaftler Gordan Matthews hat im Auftrag der Universität Hongkong im Jahr 2011 das Buch “Ghetto at the Center of the World” veröffentlicht, indem er die Bewohnerschaft und ihr zusammenleben genauer unter die Lupe genommen hat. Hauptsächlich befinden sich Menschen aus Indien, Pakistan und Nepal in dem Gebäude, im dem täglich insgesamt ungefähr 4000 Leute schlafen. In den Gästebüchern finden sich jedoch Menschen aus insgesamt 127 Nationen.
Im Chungking Mansion gibt es ca. 380 Geschäfte Viele Händler aus Indien, Afrika, Südasien Pakistan u.ä. Nutzen die einfachen Einreisemöglichkeiten in Hongkong um mit dem Steuerfreien Waren in der Freihandelszone Geschäfte zu machen.
Das Chungking Mansion hat sich als Dreh und Angelpunkt für einen Welthandel mit elektronischen Produkten im unteren Preisniveau entwickelt. Laut Matthews werden 20% aller im Afrika erhältlichen Mobiltelefone im Chungking Mansions gehandelt. Er bezeichnet dieses Phänomen als “Globalisierung von unten” was ich sehr treffend finde.
20131110-085438.jpgAufgrund der günstigen Übernachtungsmöglichkeiten und sicherlich auch wegen einer Empfehlung im Lonely Planet ist das Chungking Mansion inzwischen auch für Rucksacktouristen aus aller Welt interessant geworden.
Wer heute den Komplex betritt kommt sich vor wie auf einem indisch-afrikanischen Basar. Eine Mischung aus Wechselstuben, Handygeschäften, Ständen mit Schmuddelteitschriften, Dildos, Zigaretten und verstaubten Haushaltswaren reihen sich aneinander. Der Geruch indischer Samosas mischt sich mit mit dem von Räucherstäbchen und altem Fett. Überall geht es sehr emsig zu und man wird alle fünf Meter angesprochen, ob man nicht eine Simkarte oder eine kopierte Rolex Uhr kaufen möchte.

Für wen das jetzt abstoßend klingt dem sei jedoch gesagt, das unser Zimmer im 14. Stockwerk durchaus schön renoviert ist und das man sich obgleich des bunten Treibens auf allen Etagen trotzdem sicher fühlen kann.
Eigentlich sind alle sehr freundlich und man spürt eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber dem anderen als Grundstimmung.
Das hier die ganze Welt unter einem Dach zusammen lebt und zwar nicht die Welt der reichen und schönen, ist ein Umstand der sich so nicht alle Tage ergibt und in jedem Fall eine spannende multikulturelle Erfahrung
Das Chungking Mansions trifft definitiv meinen Geschmack.

20131112-010700.jpg

Sag was dazu!