Digital Natives: ein kapitalistischer Erklärungsansatz

Digital Natives : Zwentner.com

Was sind eigentlich die Merkmale eines sog. Digital Natives. Sind sie wirklich noch die kreative Speerspitze der Netznutzer?
Was unterscheidet Digital Natives von Digital Zugezogenen in einem Netz, das zunehmend mehr auf die Generierung von Mehrwert ausgerichtet ist?
Ein kapitalistischer Erklärungsansatz:

Digital Natives, das sind doch diese jungen Leute, die mit dem Internet groß geworden sind. Die Kids, die sich viel besser auskennen als, die Erwachsenen mit diesem ganzen neumodischen Schnick Schnack. Die, die man besser Ernst nehmen sollte, weil ihnen die Zukunft gehört.

So oder so ähnlich, werden Digital Natives häufig beschrieben. Sie sind es, die anscheinend das Internet im Blut haben, die damit sozialisiert wurden, die von vorne herein anders Denken als die sog. digitalen Immigranten, die einen Großteil ihres Lebens offline verbracht haben und jetzt nur noch vergeblich versuchen Schritt zu halten mit der digitalen Vernetzung.

Seitdem der amerikanische Pädagoge Marc Prensky im Jahr 2001 zum ersten Mal die Unterscheidung zwischen digitalen Eingeborenen und digitalen Einwanderen formuliert hat, ist der Begriff des digital Nativen Internetnutzers langsam aber sicher zu einem Synonym für einen Expertenstatus im Umgang mit dem virtuellen avanciert.

Diesen Status können (so eine verbreitete Annahme) lediglich Zugezogene “Internetbewohner“ erstens: nicht mehr erreichen und zweitens würde er jedem Individuum mit einer Sozialisation nach den 1980er Jahren quasi kostenlos mit auf seinen Lebensweg gegeben.

Das kapitalistische Netz

Es mag sein, dass diese Beschreibung zur Jahrtausendwende noch zutreffend war. Zu dem Zeitpunkt als Söhne ihren Vätern erklärt haben wie man eine Email verschickt oder als Eltern eine Email gefühlt nur erhalten haben, wenn sie sich diese ausgedruckt und abgeheftet haben.
Im Jahr 2015 ist dieses Bild jedoch nicht mehr so zutreffend wie es vielleicht die Verweigerung der Großtante WhatsApp Nachrichten zu versenden vermuten lassen würde.
Das Netz ist längst ein Ort geworden, der vollends der neokapitalistischen Verwertungslogik unterworfen ist.

Sei es ganz offiziell in Form von Handel mit physischen und digtialen Gütern, mit dem offensichtlichen vermarkten des Selbst in Jobcommunities, Businessnetzwerken, gewerblich orientierten sozialen Netzwerken wie Xing oder LinkedIn, online Steckbriefen auf About Me oder schlicht über das eigene Blog oder die persönliche Website.
Das wir uns inoffiziell auch mit unseren persönlichen Daten im privaten Teil von Social Media, wie z.B. Facebook, Twitter, YouTube, Whatsapp oder Instagram ebenfalls schon längst ein marktkonformes Verhalten antrainiert haben, darf jeder gern an sich selbst überprüfen.

Sogenannte Digital Naitves und Digital Immigrants spielen hier nach wie vor eine Rolle, doch geht es bei ihrer Bescheibung schon lange nicht mehr um die Frage von klassischer Vernetzung mit dem Ziel der Kommunikation, im Sinne der Erweiterung oder der Ablösung analoger Traditionen.

Die sinnvollste Unterscheidung der beiden Nutzertypen erfolgt heutzutage am ehesten über die Art und Weise wie beide Gruppen das Netz nutzen um sich selbst zu vermarkten, um Kapital aus der eigenen Person zu schlagen.
Denn in einem kapitalistischen Netz zählt, nebem dem ebenfalls Mehrwert generierenden Konsum von Entertainment, Informationen und Kommunikation, in letzter Instantz nur noch die Verwertung der eigenen Person.

Das mag im ersten Moment komisch klingen, und in der Tat, ist der Whatsapp Chat mit einer Freundin oder das Lesen von Nachrichten einer online Redaktion noch kein Akt der digitalen Selbstvermarktung.
Das sich die Tendenz jedoch genau dort hinbewegt kann man allerdings auch nicht unbedingt verneinen.

Jedem ist inzwischen bewusst, dass große Internetkonzerne wie Google, Amazon oder Facebook (um nur die üblichen Verdächtigen zu nennen) jeden noch so kleinen Informationsfetzen, den der Einzelne ins Netz schüttet, auswerten, quantifizieren und in Algorithmen einfließen lassen, alles mit dem Ziel der Monetarisierung. Dazu gehört natürlich auch unsere Kommunikation und unsere Interaktion mit Informationen.

Die Möglichkeit durch shares oder likes in sozialen Medien, öffentliche Reading-Lists z.B. in Instapaper, den Beitritt in bestimmte WhatsApp Gruppen, dem verwenden von Hashtags oder dem schreiben von Blogs, eine Form der Kommunikation mit einer potenziell unendlichen und weitgehend unbekannten Größe von Empfängern zu führen, trägt aber auch dazu bei, das jeder Nutzer selbst dazu aufgefordert wird, den Wert seiner Netzpersönlichkeit als Medium, Gatekeeper oder Knotenpunkt von Informationen und eigenen kreativen Ergebnissen wahrzunehmen und auszubauen.

Das neoliberale kapitalistische Netz ist ein attraktiver Marktplatz für Produkte der physischen Welt und auch für Produkte des Selbst. Will man die Unterscheidung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants hier aufrecht erhalten, dann geht das am besten über die Art und Weise der Mehrwertgenerierung der Nutzer.

Der Digital Native von Heute

Das Internet zwar ein Teil der Sozialisation von Digital Natives, im Gegensatz zu der von digtial Zugezogenen, doch ist der Erwerb von Kompetenzen im Netz heute zunehmend mehr auf ihre Verwertung und Mehrwertgenerierung ausgerichtet, als noch zu beginn des Jahrtausends.

Kurz formuliert könnte man sagen, dass Digital Natives ihre im Netz erworbenen Kulturtechniken mit dem Ziel der Selbstvermakrtung verwerten und ausbauen.

Das äußert sich dann konkret beispielsweise in dem Vorhaben ein YouTube Star, ein Instagram Fashion Idol oder ein Hacker zu werden.

Der Digital Immigrant von Heute

Das Ziel von Digital Immigrants ist das gleiche wie das der Digtial Natives. Aus Sicht des kapitalistischen Netztes verwenden auch sie das Netzwerk zur Mehrwertgenerierung und zur Selbstvermarktung.

Dazu nutzen sie jedoch keine Kulturtechniken, die quasi im Internet geboren sind, sondern speisen ihre analog erworbenen Fähigkeiten und Bekanntheitsgrade in das Netz ein um sie dort ebenfalls zu verwerten und auszubauen.

Beispiele hierfür sind die Präsens von Prominenten in Social Media, Weblogs von klassischen Autoren, die Leseproben oder Zusatzinhalte ins Netz stellen oder Wissenschaftler, die eine Zielgruppe außerhalb des akademischen Betriebes suchen.

Digital Natives: Vorreiter ohne Vorteil

In einem kapitalistischen Netz haben Digital Natives und Digtial Immigrants das gleiche Potenzial aus ihrer eigenen Person Kapital zu schlagen. Zwar tun sie dies mit unterschiedlichen Mitteln, doch man kann nicht mehr behaupten, dass Digital Natives hier einen großen Vorsprung gegenüber den Zugezogenen hätten.

Die Werkzeuge die das Netz dem Einzelnen zur Selbstvermarktung an die Hand gibt verlangen ihm zur Nutzung keine unüberwindbaren Kunststücke mehr ab. Digtial Natives und Digital Immigrants haben im kapitalistischen Netz beide den Status des Prosumenten, der Neues im Handumdrehen lernen kann und lernen will.
Ein Online-Shop ist heutzutage genauso schnell eingerichtet wie ein YouTube Kanal, Tumblr-Blog genuaso schnell wie ein Instagramm Account.
Der Wissensvorsprung der Digital Natives schrumpft folglich von zwei Seiten. Zum einen durch die immer kleiner werdeneden Zugangshürden der aus dem Netz gewachsenen Kulturtechniken und zum Anderen, durch den Nachwuchs derer die digital sozialisiert werden.

Kapitalismuskritik und Netzskepsis:

Doch was ist mit dem Argument der Weiterentwicklung der netzkulturellen Ausdrucksformen, und der sich stetig neu um sie formiereneden Avandgarde an Kreativen.

Ein kapitalistisches Netz drängt diese langsam aber stetig heraus aus seinem Zentrum, denn Mehrwert lässt sich schon immer am besten im Mainstream generieren.

In den künstlerischen und kreativen Kreisen, hat sich deshalb schon längst eine gewisse Skepsis gegenüber dem Netz eingestellt. Schon lange sehen sie es nicht mehr als das Heilsversprechen für Freiheit und Opportunität.

Ein gutes Beispiel dafür ist die post-Internet Bewegung in der Konzeptkunst oder der bereits breiter diskutierte Rückzug der jüngeren Leute aus sozialen Netzwerken.

Das kapitalistische Netz hält heute zwar auf der einen Seite Chancen und Verwertungsmöglichkeiten für Digital Natives, Digital Immigrants und seine Folgegenerationen bereit, beschränkt sich in letzer Instanz jedoch selbst.

Die Selbstthematisierung der Kreativen Avantgarde innerhalb des Netzwerkes weicht zunehmend einer externen Rezeption außerhalb etablierter und inzwischen kapitalisierter Kulturtechniken aus dem Netz.

Die Individualisierungsangebote der Netzkonzerne haben immer mehr den faden Beigeschmack von Produkten.

Kulturpessimistisch formuliert, degradiert sich das Internet so schlicht auf einen Marktplatz.