Ist diese Welt nur noch am Draht?

Beherrscht die Technik unser Leben? Müssen wir immer online sein?

Draht

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Es ist nicht zu leugnen, dass Technik immer mehr zum Alltag gehört. Das galt schon für jede Generation vor uns, aber die Entwicklung schreitet heute schneller denn je voran. Manche Menschen haben versucht, der Technik den Rücken zu kehren, aber das scheint auf Dauer kaum vernünftig möglich. Ein pragmatischer Ansatz besteht darin, sich zu überlegen, wie man mit modernen Technologien umgeht und positive statt negative Wirkung damit erzielt.

Von der virtuellen und erweiterten Realität bis hin zu Messaging- und Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram – Technik macht einen großen Teil der Popkultur aus. In einer Welt, die vom Geschehen auf unseren Smartphones besessen ist, müssen wir uns selbst darum bemühen, mit anderen sinnvoll und nicht nur passiv zusammenzuarbeiten und den Einfluss der Technik auf unser Leben und das unserer Kinder selbst zu bestimmen

Schädlicher Einfluss auf Verhaltensmuster von Kindern

Transversale (bereichsübergreifende) Kompetenzen, dies ist der Sammelbegriff, den die UNESCO für eine Gruppe von Lebensfertigkeiten geprägt hat, die soziale Fähigkeiten, kritisches Denken, ethisches Verständnis, zwischenmenschliche Kommunikation und Selbstdisziplin umfassen. Kinder lernen diese Verhaltensweisen, indem sie sie bei den Erwachsenen in ihrer nächsten Umgebung beobachten. Mehr Interaktion mit Menschen im Internet oder möglicherweise sogar mit Chatbots und VR könnte weniger Interaktion von Mensch zu Mensch bedeuten und damit dazu führen, dass diese entscheidenden Fähigkeiten nicht entwickelt werden.

Kinder haben auch noch keine metakognitiven Selbstbewertungsfähigkeiten entwickelt. Sie können nicht erkennen, dass sie einen geselligen Abend am Smartphone, Tablet oder VR-Gerät verbracht haben, anstatt mit den Menschen zu interagieren, mit denen sie zusammen sind, und ihr Verhalten daran auszurichten. Während Erwachsene häufig noch in der Lage sind, sich selbst zu bremsen, bevor sie zu weit gehen und in einem technologischen Loch verschwinden, sind Kinder leichter zu beeindrucken und können dies nicht. Oft erinnern sie sich auch gar nicht mehr daran, wie das Leben war, bevor die Technologie so allgegenwärtig wurde wie sie es heute ist. Situationen, in denen die Technologie übermächtig wird und normales menschliches Verhalten und Interaktionen verzerrt, können ihnen deshalb normal erscheinen.

Technologie-Suchtverhalten bei Erwachsenen inzwischen sehr verbreitet

Erwachsene sind zwar sicherlich besser als kleine Kinder dafür gerüstet, ihr eigenes Verhalten zu steuern. Aber heutzutage scheitern auch sie oft an der Interaktion mit der Technik. Auch für viele Erwachsene ist es normal geworden, jeden freien Moment mit irgendeinem Gerät zu verbringen, ganz gleich, was um sie herum passiert oder mit wem sie zusammen sind – genau wie bei Kindern, die es gar nicht anders kennen.

Die Netflix-Serie „Black Mirror“ hat sich auf unterschiedliche Weise mit der Abhängigkeit von sozialen Medien und anderen Formen moderner Technologie beschäftigt. Die Serie hat sich eine Welt ausgemalt, in der die soziale Stellung eines Menschen und sein gesamtes Vermögen davon bestimmt waren, wie viele positive Reaktionen er auf seine Beiträge in sozialen Medien bekam, oder eine Welt, in der Menschen mittels fortschrittlicher VR dazu gebracht wurden, wirkliche Verbrechen zu begehen. Diese Welten wirken gar nicht so unvorstellbar, wie es viele von uns sich wünschen würden, und in der wirklichen Welt gibt es immer mehr Forschungsarbeiten, die darauf hindeuten, dass die Sucht nach technischen Geräten aller Art genauso real ist wie die Sucht nach Betäubungsmitteln.

Jeder Beliebtheitsstatus in sozialen Medien, jede liebevolle Nachricht, jede Nachrichtenstory oder jedes erreichte Spielziel setzt einen kleinen Schuss Dopamin in unserem Gehirn frei, und das ist derselbe Auslöser von Glücksgefühlen, der auch beim Konsum von Heroin und Kokain unsere Systeme durchflutet. Und weil diese kleinen Schübe so leicht zu haben sind, sind sie so unwiderstehlich. Es ist nicht zu leugnen, dass man sich regelrecht daran berauschen kann, wenn sich die eigenen Facebook-Likes stapeln oder unsere Tweets weitergetweetet werden.
Wir sind so sehr vom Online-Geschehen gefesselt, dass wir oft nicht mehr in die wirkliche Welt hinausgehen. Ganz gleich, ob ein unglaublich spannendes Mobil-Casinospiel uns in Atem hält oder wir wie zwanghaft online chatten müssen, es gibt für alles die richtige Zeit und den richtigen Ort. Man muss erkennen, wann man abschalten sollte. Und das ist ein Problem geworden. Kontakte knüpfen und pflegen heißt für viele inzwischen, mindestens 50 % der Zeit mit dem Starren auf ein Telefon zu verbringen. Es ist leicht verständlich, warum Technik so süchtig macht, aber genau wie wir die Impulskontrolle beim Trinken und anderen potenziell schädlichen Verhaltensweisen erlernen müssen, müssen wir das auch bei der Technik schaffen. Das Problem ist nur, dass es inzwischen gesellschaftlich akzeptabel ist, immer online zu sein, und diese Haltung muss sich ändern.

Technologie klug nutzen

Wir müssen die Technologie offenbar so in den Griff bekommen, dass sie unser Leben besser macht und nicht überlagert. Die Zeit, die wir online zubringen, sollte begrenzt sein, und bestimmte Bereiche des Zuhauses sollten zu technologiefreien Zonen erklärt werden. Insbesondere Kinder sollten genügend Zeit mit Gleichaltrigen und anderen Erwachsenen verbringen, um ihre Fähigkeiten zur Problemlösung und andere Fertigkeiten des Lebens leichter entwickeln zu können.

Ein perfektes Beispiel dafür, wie wir die Vorteile der Technologie nutzen sollten, ohne zuzulassen, dass sie uns die Freude am echten Leben nimmt, findet man wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge bei Natursimulationen oder Naturvideos im Vergleich zu echten Naturerfahrungen. Menschen haben eine angeborene Affinität zur Natur, und das Betrachten von Wildtierdokumentationen oder ein Spaziergang durch einen VR-Regenwald bauen Stress sehr gut ab, so die Forschung. Aber das liegt zum Teil daran, dass wir Ruhe und Frieden auch im wirklichen Leben kennen, und diese Erfahrungen erkennen wir wieder. Wenn künftige Generationen weniger echte Erinnerungen haben, gehen sie mit der simulierten Natur vielleicht ganz anders um und werden höchstwahrscheinlich nicht den gleichen Nutzen davon haben wie die Generation von heute. Dieser traurige Zustand ist jedoch nicht unausweichlich, wir müssen nur ab und zu den Stecker ziehen.

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