Müll und Japan – Eine Liebesgeschichte

Japan Müll

Japan ist ein sehr sauberes Land, das fängt bei den durchweg sauberen Toiletten an, häufig mit elektronischer Popo-Dusche, künstlichem Vogelgezwitscher und Trockenfön, geht über die nassen und in Zitrone getränkten kleinen Handtücher, die man fast vor jeder Mahlzeit gereicht bekommt bis hin zu weißen in Folie eingeschweißten Hemden, die man im Minimarkt kaufen kann, für den Fall, dass man schnell frische Kleidung benötigt. Die Königsklasse der japanischen Sauberkeit besteht jedoch in ihrer besonderen Liebe zu ihrem Müll.

19.08.2016

Eine Bekannte hatte uns bereits vorgewarnt, dass es in Japan fast nirgends öffentliche Mülltonnen gibt. Dennoch so richtig konnte ich das zunächst nicht glauben. Wenn ich an Tokio dachte, dann dachte ich an eine hypermoderne Megacity in der es einfach alles gibt und in der öffentliche Mülltonnen, ähnlich wie die bereits erwähnten Toiletten, über eine hochkomplizierte Elektronik verfügen und einen beispielsweise adhoc mit Metadaten zum eingeworfenen Abfall versorgen oder zumindest wunderbar duften.

Nach unserem ersten ausgedehnten Spaziergang durch Tokios Zentrum hatte ich dann tatsächlich Gewissheit. Hier gibt es wirklich alles außer Mülleimer!

Ich und mein Müll, es muss Liebe sein

Doch wie kann das sein, dass trotz der Abwesenheit kleiner runder Eimer die Straßen der Stadt aussehen wie geleckt? Und das ist wirklich nicht übertrieben: Ich musste mich echt anstrengen um nach längerem Suchen dann doch irgendwo mal einen Zigarettenstummel auf der Straße zu finden (natürlich dann in unmittelbarer Nähe zum gekennzeichneten Raucherbereich).

Was machen die Menschen in dieser Stadt mit ihrem Abfall, da dachte ich. Wie so oft auf Reisen heißt es “learning by doing” und so fingen wir natürlich ganz von alleine damit an herauszufinden, was es mit den Japanern und ihrer Liebe zum Müll so auf sich hat.

Seinen Müll einfach auf die Straße zu werfen zeugt überall von schlechtem Stil, doch in Japan herrscht eine eigenartige Gruppen-Dynamik, die wie von alleine dafür sorgt, dass man sich schlecht fühlt, wenn man auf der Rolltreppe hochfährt und sich nicht links einordnet oder in Reih und Glied, wie auf einer Perlenkette aufgereiht auf die Metro wartet.

Das gleiche ist es beim Sündenfall Müll wegwerfen: Man würde sich dabei nicht nur sehr beobachtet vorkommen, sondern würde auch mit der Schande leben müssen, die gesamte japanische Gesellschaft, mit nur einem unachtsam liegen gelassenen Flaschendeckel bitter enttäuscht zu haben.

Der Prozess scheint bei Ausländern immer der selbe: Zunächst hält man den Abfall sehr lange in der Hand, denn die Hoffnung stirbt zuletzt und vielleicht taucht ja doch noch irgendwo eine Mülltonne auf. Dieser Phase folgt dann meist das Moment der Versöhnung mit dem Eispapier, der leeren Flasche, dem benutzen Taschentuch oder anderen Dingen die man eigentlich los werden wollte.

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Man bemerkt, dass sie sich doch recht anschmiegsam verhalten und auch gar nicht mehr so nervig sind. Naja und dann tut man das einzig richtige: Der Müll verschwindet in der Tasche und wird den Rest des Tages spazieren getragen.

(Hier soll nicht verschwiegen werden, dass es hin und wieder tatsächlich fast golden leuchtende Orte der öffentlichen Müllentsorgung gibt, denn manchmal tauchen Abfall einer in der Ubahn auf. So bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel.)

Aber ist das wirklich so gedacht? Nun ja, die Antwort ist Jein!

Gewissermaßen verlangen die Japaner voneinander, dass man seinen eigenen Abfall auch bei sich behält bis man wieder zuhause ist. Abgesehen davon, gibt es bestimmt auch irgendein passendes Gesetzt dazu. In Kyoto habe ich ein Schild gefunden auf dem der Hüter eines Beetes dezidiert darauf hingewiesen hat, das man seinen Müll bitte mit nach Hause nimmt. Aufgestellt wurde es vom sog. “City Beautification Office” vielleicht eine Bürgerinitiative oder gar eine offizielle städtische Institution?

Keine Ahnung. Auf jeden Fall schön, dass hier mal jemand das Ausspricht was vielleicht überall auf japanisch steht aber mir bis dahin offiziell verschlossen geblieben ist.

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Was man aber auch erstmal raus haben muss ist, dass alle Essensstände und Supermärkte in der Regel ihren Müll zurücknehmen und zwar nur ihren Müll und das mit Bestimmtheit. Auf einem großen Markt ist es mir sogar einmal passiert, dass mit eine Kastanienverkauferin regelrecht hinterher gerannt ist, um mich darauf hinzuweisen, dass ich die leeren Schalen doch bitte nur in ihren Eimer werfe.

Der Abfall ist in Japan also eine sehr individuelle Angelegenheit und die Leute spielen mit, das Ergebnis ist, wie bereits erwähnt eine blitzsaubere Stadt und natürlich auch eine blitzsaubere Natur.

Auf unserem Ausflug in die Wanderregion um den Mitake San, haben wir ebenfalls keinen herumliegenden Unrat gefunden. Soweit so gut, doch eigentlich ist der Müll in Japan viel mehr!

Kein Unrat, sondern Wertstoff

In unserem letzten Airbnb in Tokio wartete erstmal ein zweiseitiges PDF auf uns, das genau beschrieb, wie der Müll in unserem Viertel zu trennen ist. Flaschen und Dosen werden einzeln gesammelt. Alles was brennbar ist kommt in den anderen Eimer. Was wir auf keinen Fall tun sollten ist eigenständig Müll auf die Straße stellen. Wenn er uns stört, dann sollten wir Bescheid sagen damit jemand geschickt wird um den Sack abzuholen.

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Sieht man Müllsäcke auf den Straßen, dann sind sie meist fein säuberlich auf dem Gehweg drapiert und nicht selten ist über die Säcke noch sorgsam ein ein kleines gelbes Netz gespannt, damit niemand einfach so etwas dazustellt. Außerdem ist ist das ganze ja auch viel ordentlicher.

Plastikflaschen

Was besonders gut funktioniert ist das System mit den Millionen von Plastikflaschen, die in Japan alle zwei Meter in den Getränkeautomaten stecken. Als Westler schlägt man als erstes die Hände über dem Kopf zusammen, wenn man diese Automaten sieht. PET Flaschen soweit das Auge reicht. Es würde mich nicht wundern wenn jeder Japaner mindestens zwei bis drei Flaschen täglich aus den Automaten zieht, wir haben diese Zahl jedenfalls locker überschritten.

Ich war mir sicher, dass es irgendwo in der Mitte des Landes ein großes PET-Flaschen verschlingendes Monster wohnen muss, das viele Opfergaben fordert. Anders konnte ich mir nicht erklären, dass ich nicht durch einen Sumpf aus Flaschen mit grünem Tee watete. Denn eines ist klar, jeder Messenger Bag ist spätestens mit drei oder vier leeren Flaschen unangenehm voll.

Auch hier hat es ein bisschen gebraucht, bis ich die kleinen runden Löcher registriert habe, die sich an den Getränkeautomaten befinden und ja, es sind Wertstoff-Container. Will heißen, man kann seine leere Flasche gleich zurück in den Automaten schmeißen. Das ich die nicht entdeckt habe klingt banal, aber die Dinger haben auch WLAN und zeigen teilweise Nachrichten und den Wetterbericht, da darf man schon mal abgelenkt sein oder? Wie auch immer, oft gibt es zwei Einwürfe, einen für die Flasche selbst und einen für den Deckel und das wird natürlich auch brav eingehalten ist doch klar.

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Was in Deutschland trotz einem mehr als diskussionswürdigem Pfandsystem nicht funktioniert und nebenbei mal eben den Scheinberuf des “Pfandpiraten” auf den Plan gerufen hat ist in Japan eine absolute Selbstverständlichkeit.

In einem Park habe ich sogar mal einen Getränkeautomaten gesehen, der nebst einem Einwurf für Deckel und Flaschen auch noch ein Loch für Getränkereste hatte, die man doch bitte dort reinschütten solle.

Und auch das funktionierte wie am Schnürchen. Nein, das ist keine Wertstoff-Entsorgung, das muss Liebe sein.

 
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