Schreibanlässe in der digitalen Kultur

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Immer mehr Informationskanäle verlangen unsere Aufmerksamkeit! Im Internet und somit auch zunehmend, Rund um die Uhr. in unserem Alltag ist inzwischen alles Interaktiv. Was wir lesen sollen wir gefälligst auch Teilen, Liken, Retweeten, wir sollen dem Autor folgen, Kommentieren, oder den Artikel zumindest zum später lesen speichern. All das tun wir, weil wir Teilhaben wollen, uns ausdrücken, unsere Meinungen und Gedanken einfliessen lassen möchten in den Strom.
Wir wollen überall dabei sein, gesehen werden, die Masse von Likes und Retweets aufwerten. Im digitalen Diskurs ist unser Statement zunehmend quantitativ ausgerichtet. tiefergehende Betrachtungen oder gar unsere eigenen Gedanken sind,  sind möglichst in die 140 Zeichen eines Tweets zu packen. Die neue Frankfurter Schule nennt das “Beschleunigung”. Müssen wir das akzeptieren? Was das Schreiben angeht, glaube ich das nicht…

Das Internet hat die Welt kompakter, schneller, zugänglicher und demokratischer gemacht.
Die Möglichkeiten der totalen Vernetzung aller Individuen untereinander durch Soziale Netzwerke haben so gesehen jedem einzelnen eine digitale Stimme gegeben.
Kommunikation läuft auf allen Ebenen des Lebens inzwischen, zu einem erheblichen größeren Teil als früher, schriftlich ab.
Unsere Kommentare auf das schriftlich gesagte werden mit ihrer steigenden Anzahl gleichzeitig aber immer knapper, pauschaler oder unverständlicher. Private Kommunikation über Textnachrichten wird abgehackter, schneller und immer mehr.
Das sind die Nebenwirkungen der weltweiten medialen Vernetzung im globalen Dorf.

Als die Leute sich noch Briefe schrieben, ging es dabei in erster Linie darum, die Entfernung zwischen zwei Menschen durch das Medium der Schrift auf Papier zu überbrücken. Der Gedankenaustausch wurde dadurch von Zeit und Raum entkoppelt.
Mit der Verbreitung und dem Ausbau des Internets hat die die Email, diesen Ansatz in das digitale übersetzt und beschleunigt.
Soziale Netzwerke verfolgen den Ansatz alles was ich mitteilen möchte sofort allen meinen Kontakten, Followern, Abonnenten oder wie auch immer wir sie nennen wollen, direkt zugänglich zu machen, und zwar ob sie es wollen oder nicht. Diese Entwicklung ist natürlich nicht nur negativ zu bewerten, doch hat sie meiner Meinung nach dazu beigetragen, die Gesprächskultur, abseits des Gesprächs von Angesicht zu Angesicht, zu entwerten.

Ja, ich schätze es sehr, dass z.B. dieser Blogbeitrag in dem Moment wo ich ohne veröffentliche theoretisch der ganzen Welt zum lesen offen steht und das ich das Gefühl habe, alle die ich gerne erreichen würde ohne Aufwand auch erreicht werden.
Was mich bedenklich macht ist wie bereits angesprochen, die Frequenz in der das passiert!

Sicher, durch den erhöhten Anteil des Mediums Schrift in unserer alltäglichen Kommunikation bleibt häufig wirklich nicht die Zeit dafür alles in Prosa auszudrücken.
Dazu kommt noch, dass wir das verfassen längere Texte heutzutage zunehmend mit Arbeit in Verbindung bringen. Wir schreiben Hausarbeiten, Aufsätze, Protokolle, Dissertationen, Emails und Berichte häufig als Rechtfertigung für unser Können unsere berufliche Stellung, zur Erlangung eines Abschlusses usw.
Das zunächst zweckungebundene niederschreiben unserer Gedanken zu einem bestimmten Thema unserem Alltag oder unserer Meinung wird durch der Aufmerksamkeitskultur unserer Medienlandschaft immer mehr in den Hintergrund gedrängt.

Es geht gar nicht darum, das was man schreibt auch zu veröffentlichen. Es ist ist auch nichts schlechtes daran Tweets zu verfassen oder kurze Statusmeldungen in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Gerade Microblogging-Dienste wie Twitter oder App.net können sogar dazu beitragen, die Lust am kreativen Schreiben zu fördern.
Das Schreiben von Tagebüchern oder Geschichten nur für sich selbst, der ausgedehnte Austausch mit gleichgesinnten über Emails, gar klassische Briefe oder eben das betreiben eines Blogs helfen jedoch dabei der allgemeinen Tendenz zur Verkürzung der eigenen Gedanken, bis hinunter zum quantitativsten aller Statements, dem Like, Sternchen oder Retweet, ein Gegengewicht bilden.

Das ausformulierte Schreiben der eigenen, Ideen, Vorstellungen, Geschichten usw. ist eine kulturelle Errungenschaft, die wir der beschleunigten Aufmerksamkeitskultur der digitalen Gesellschaft nicht opfern müssen.
Die Vorteile aus der alten sowie der neuen Welt der schriftlichen Kommunikation lassen sich ohne Kompromisse vereinbaren, dafür muss man nur nicht immer alles als gesetzt hinnehmen.
Es genügt sich dann und wann mal abzuwenden von dem allgegenwärtigen Informationsfluss um uns herum und sich Zeit und Raum für seine eigenen Positionen zu nehmen. Das ist sehr gewinnbringend nach wie vor.

Sag was dazu!