Snapchat: Nische für die Masse – Warum der Messenger das kreativste Werkzeug der jüngeren Social Media Geschichte ist.

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Snapchat, das war doch dieser Messenger mit dem Schüler sich schlüpfrige Bildchen hin und her schicken, oder?
Inzwischen hat sich das öffentliche Bild über den Service, zumindest in Deutschland, zwar noch nicht sonderlich gewandelt, doch es gibt eine stattliche deutsche Nutzerszene, die sich mit Snapchat Geschichten erzählt.
Warum der Messenger zu den kreativsten Werkzeugen der jüngeren Social Media Geschichte zählt hab ich hier mal zusammengefasst.

Ich hatte ja gesagt, dass ich mich wieder melde, sobald ich Snapchat verstanden habe. Sagen wir mal so: Ich denke ich bin der Sache inzwischen ein Stückchen näher gekommen.
Vergesst die privaten Bild- oder Videoachrichten, vergesst den eingebauten Chat und vergesst um Himmles Willen Sexting.

Über all das könnte man noch immer schreiben, doch das eigentlich bahnbrechende an Snapchat sind die Storys.
Was hier vor uns liegt, ist nicht mehr und nicht weniger, als die Revolution der Visualisierung von Alltagsgeschichten im Internet.
Also worum geht es bitte?

Was sind Storys?

Storys, oder auch Geschichten, ist ein Feature in Snapchat bei dem man ein Foto oder auch einen Video-Schnipsel in eine Art-Live Stream packt.
Nun ja, es ist kein wirklicher Livestream, sondern quasi ein vierundzwanzig Stunden Zeitfenster, dass man mit sich herumträgt und in das  man seinen persönlichen Broadcast hineinkuratiert.

Im Klartext heißt das: Alles was man in seine Geschichte postet, hat mit dem Zeitpunkt an dem es online ist, ein Verfallsdatum von genau vierundzwanzig Stunden.

Auf den ersten Blick klingt das noch nicht besonderes aufregend, doch wer sich nur ein bisschen damit auseinander setzt, bemerkt schnell, dass genau hier ein wesentlicher Teil der Snapchat-Magie wirkt.

Der Faktor Zeit:

Durch das vierundzwanzig Stunden Zeitfenster für Snapchat-Storys bekommen Nutzerinhalte im Netz, zum ersten Mal einen Broadcast-Charakter. Man sendet quasi auf seiner eigenen Frequenz. Anders als sonst im Netz gewohnt, lassen sich Snapchat-Geschichten nicht für alle Zeit noch irgendwo abrufen.
Die Zuschauer haben zwar die Möglichkeit sich die Storys im Rahmen der vierundzwanzig Stunden so oft anzuschauen wie sie möchten, nach Ablauf der Zeit sind sie jedoch für immer verschwunden.

Wer dann nicht dabei war, der war eben nicht dabei. Gleichzeitig gibt das Zeitfenster im Normalfall jedem die Möglichkeit, die Clips einer Story genau dann zu schauen, wenn es zeitlich passt. Die Storys sind quasi eine Liveschaltung mit Zeitpuffer, das hat es so vorher noch nicht gegeben.
Snapchat ist die Integration eines völlig neuen (Live-) Formates in den, ohnehin schon, extrem beschleunigten Medien-Alltag der heutigen Tage gelungen.

Snapchat Live Events

Besonders deutlich wird das, bei dem sicherlich noch in den Kinderschuhen steckenden “Live Events” Feature.
Hier ist es nicht nur ein einzelner Snapchat-User, sondern eine unbestimmte Zahl von Leuten, die sich alle auf dem selben Event befinden, und die gesondert ihre Filmschnipsel und Fotos in einen einzigen Story-Stream packen.
Der Zuschauer wähnt sich so mitten im Ereignis, wenn er z.b. Menschen vor einer Bühne Filmen sieht oder wenn z.B ein Musiker selbst zum Smartphone greift und mitmacht.

Solche Events werden momentan nich von der Snapchat Redaktion ausgerufen und sind außerhalb der USA noch ziemlich rar gesät, doch es ist großes zu erwarten.

Mindestens genauso spannend ist die Snapchat-eigene Ästhetik die sich in den Fotos und Videos entwickelt hat.
Sie sorgt dafür, dass eine Snapchat-Story sich ganz anders anfühlt und aussieht als z.B ein YouTube-Video oder andere Formen des Video-Bloggings

Snapchat-Dogmen

Bei der Aufmachung in der Rezeption der Snapchat-Geschichten, spielt der Faktor Zeit also eine entscheidende, aber dennoch nicht die einzige Rolle.

Es ist möglich eine Handvoll Filter auf seine Werke anzuwenden einige davon nutzen sogar die Geo-Funktion des Smartphones.

Dennoch sind sie in der Summe beschränkter als man es von Konkurrenzprodukten kennt.

Schriftzüge die man auf Bilder und Videos setzten kann, sind ebenfalls auf gerade mal einen Satz begrenzt. Wer mehr zu sagen hat, muss kreativ werden.

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So werden Wörter über die Freihand-Zeichenfunktion dazu geschrieben oder eben Bildchen zur Verständigung gemalt. Ebenfalls groß raus kommen Emojis, die pixelig groß ziehen kann und auf nie gekannte Weise ins Bild installieren kann.

Fotos und Filme können nicht aus der Camera Rolle importiert werden. Zwar gibt es hierfür auch schon Mittel und Wege, aber die allgemeine Optik in Snapchat ist eindeutig von den Inhalten bestimmt die „im Moment“ passieren und nicht von aufpolierten Bildern oder Videos aus anderen Apps.

Das “Weniger” in Snapchat hat zu einer ganz eigenen Ästhetik geführt, die man schnell wieder erkennt.

Perfekt ist Unperfekt

Die eingeschränkten Ausdrucksmittel, aber auch die oft knappe Zeit beim snappen bringen die Lässigkeit und Ungezwungenheit zurück die uns Instagram scheinbar längst abgewöhnt hatte.
Perfekt ist hier eine Geschichte, die möglichst unperfekt daher kommt. Das macht sie authentischer, aber nicht unbedingt privater.

Persönlicher aber nicht privater

Welche intimen Einzelheiten man in einem sozialen Netzwerk preisgibt oder nicht, bleibt natürlich auch bei Snapchat jedem selbst überlassen. Das man dabei zu weit gehen kann liegt ebenfalls auf der Hand.
Aufgeräumt werden kann jedoch mit dem Zweifel daran, dass Snapchat perse intimer oder privater wäre als andere Netzwerke.

Sicher die Geschichten die entstehen sind ungeschönter, weniger poliert vielleicht etwas unbedachter und näher dran, privater müssen sie deswegen aber nicht sein.
Ob man sich selbst zeigt oder nicht, ob man spricht, oder nur über die Schrift mit seinem Publikum kommuniziert, bleibt jdem selbst überlassen.
Es ist eine Stilfrage; interessante Geschichten kann man auf alle Arten erzählen.

Man könnte sogar sagen, dass Snapchat weniger mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat als Beispielsweise Facebook, zumindest wenn es um das eigene Ego geht.
Bei Snapchat kann niemand anders sehen, wieviele Freunde man dort hat oder wieviele Leute einen Stream verfolgen. Kommentare sind, nicht direkt möglich, und es gibt kein Userprofil.

Über wen gepsrochen wird, oder wer gar zu einer Brühmtheit im Netzwerk geworden ist (und da gibt es schon einige), ist eine Information, die man sich Außerhalb des Netzwerkes besorgen muss, oder eben über andere Geschichten. Auch das ist neu!

Was gibt es zu sehen?

In Snapchat findet man Geschichten über die Kleinigkeiten des Alltags, über das Dazwischen in großen Geschichten auf anderen Kanälen. Work in Progress-Storys zu Projekten.
Man schaut Persönichkeiten über die Schulter, bei dem was sie gerate tun oder blickt in eine Zeitungsredaktion.

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Man begleitet Popstars auf ihre Welttournee oder sieht den vielen kleinen und größeren Künstlern zu, die das Netzwerk inzwischen generiert hat und die mit  begrenzten Mitteln kreativ werden.

Nische für die Masse

Snapchat füllt eine Nische aus, die bislang noch kein anderes Netzwerk überhaupt auf dem Plan hatte.
Es ist dieses zeitversetzte „Dabei sein“, dieses unperfekte und kurzweilige was das den Kanal einizgartig macht.
Snapchat ist bereits jetzt zu einer Nische für Millionen von Nutzern, auf der ganzen Welt  geworden.
Es ist nur eine Frage der Zeit bis es auch Millionen deutsche Nutzer geben wird, bis Unternehmen uns Geschichten erzählen werden und bis Meinungsführer im Netz und Prominente dem gleichtun.

Snapchat als Plattform

Wie alle anderen großen Messenger steht auch Snapchat vor dem Umbau bzw. der Neuorientierung in eine Plattform. Damit ist gemeint, dass es sehr bald möglich sein wird, auch ganz andere Dinge damit zu tun als das oben beschriebene und dass es externe Programmierer sein werden, die diese Ideen entwickeln werden.
Zwar gibt es seitens Snapchat noch kein SDK für Entwickler, wie es z.B. jetzt gerade für den Facebook Messenger angekündigt wurde, doch mit Snapchash, einem Bezahl-Dienst den das Unternehmen bislang nur in den USA gestartet hat, bewegt sich auch Snapchat in Richtung Plattform.

PS: Ich selbst übe mich übrigens auch im Geschichten erzählen. Wer Lust hat dabei zu sein, kann gern mal in meiner Snapchat-Story vorbeischauen!

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Coverbild (Snapchat) von “Shutterstock

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