Wie die Teeindustrie uns Gefühle verkauft!

tee
Geht es nach der Teeindustrie, dann müssten wir alle ziemlich häufig müde sein, verspannt, einen grummelnden Magen haben oder freudlos sein.
Produkte und gerade Lebensmittel mit einer heilbringenden Zusatzwirkung, neben ihrem eigentlichen Gebrauchswert zu versehen ist gang und gäbe in der Werbung. Beim Thema Tee erkennt man das besonderes deutlich.

Zugegeben: würden Firmen wie Teekanne, Messmer oder Lipton sich auf die Klassiker beschränken wäre ihr Angebot eher begrenzt zu dem was wir heute vorfinden. Da wären wohl Schwarztee, grüner und weißer Tee, Kräutertees, und vielleicht noch Rotbuschtee.
Einige durchaus als klassisch zu bezeichnende Teemischungen und auch aromatisierte Kräutertees finden sich natürlich ebenfalls bei allen Herstellern.
Worauf ich hinaus will ist aber etwas anderes.
Kauft man sich beispielsweise die beliebte Kräuterteemischung „Fenchel-Anis-Kümmel“ so weiss man nicht nur was man bekommt sondern der Name des Tees hat dabei auch exakt keine andere Funktion, als eben zu beschreiben worum es sich bei der Mischung handelt.
In diesem Fall um einen Tee, bestehend aus Fenchel, Anis und Kümmel.
Diese Mischung soll besonders Magenschonend sein. Ob das wirklich stimmt muss jeder für sich selbst entscheiden.
Der Mischung „Fenchel-Anis-Kümmel“ wird jedoch seit langem diese Wirkung zugeschrieben. Auf eine gewisse Weise hat sie den Status eines alten Hausmittelchens gegen einen unruhigen Magen.
Dafür muss die Teeindustrie gar nichts tun. Mit dem Verkauf der Fenchel-Anis-Kümmel Mischung verkauft sie vielen von uns neben einem durchaus schmackhaften Tee zusätzlich 25 Aufgussbeutel voller Magenberuhigung.
Doch was ist mit den Leuten die von der allgemein beruhigenden Wirkung der Fenchel-Anis-Kümmel Mischung für den Magen nie etwas mitbekommen haben? Vielleicht weil sie nicht an Hausmittelchen glauben. Für diese Kunden hat die Firma Messmer z.B. das Produkt „Magenliebe“ im Angebot und bei Teekanne gibt es die Sorte „Magenfein“.
Klingt nicht so schlecht oder?
Was spricht dagegen die potenzielle Wirkung eines Produktes direkt auf die Packung zu schreiben? Schließlich soll sich der Kunde doch, auch ohne das homöopathische Wissen der letzen einhundert Jahre, sicher und zielgerichtet durch die Teeabteilung des Supermarktes bewegen können!
Wir sollten der Teeindustrie also danken! Aber natürlich nicht nur für Magenliebe und Magenfein. Danken wir ihr auch für Produkte wie: Energie, Detox, Konzentrationstee, Innere teekanneWärme, Entspannung, Atme dich frei, Gesunde Abwehr, Schlank und Fit, Innere Ruhe, Freu dich, Träum schön, Hol dir Kraft, Muntermacher oder Klarer Kopf.
Es scheint fast so als lassen sich sämtliche Alltagswehwehchen mit einer Tasse Tee bewältigen, aber dann bitte mit der richtigen Sorte.
Die Auswahl sollte bei so transparenten Angaben auf der Verpackung doch kein Problem mehr darstellen.
Die Teeindustrie macht uns durch ihr Angebot praktisch alle zu Alltagsschamanen.
Ganz egal ob wir uns gerade dick, traurig, schlaflos oder sogar kontaminiert fühlen, gegen alle diese Zustände können wir uns mit einer Tasse Tee wieder in Stellung bringen, fantastisch oder?

Die freie Wahl?

Die Teeindustrie ist ein gutes Beispiel für marketingtechnisch gelungenes Produktdesign.
Offensichtlich hat es den Anschein als würde uns die freie Auswahl an (Placebo-) Effekten mit dem Erwerb einer Teesorte, die volle Kontrolle über unser Befinden an die Hand geben.
Schließlich müssen wir nicht, in einer Nacht- und Nebelaktion durch den Stadtwald oder Nachbars Bio-Schrebergärtchen schleichen oder auch nur vorbildlich den nächsten Wochenmarkt aufsuchen um uns die Kräuter zusammenzustellen die wir benötigen um unseren Magen zu beruhigen.
Das Problem löst sich quasi von alleine mit dem Kauf einer Packung „Magenfein“.
Bis hierhin geht das offensichtliche Marketingversprechen einer jeden Teesorte.
“Konsumiere nur richtig und du hast keine Probleme”, könnte hier das Credo sein.
Tatsächlich verfährt die Teeindustrie hier jedoch nach einem noch weiter ausdifferenzierten Konzept das man vielleicht so zusammenfassen könnte:
Ein gutes Produkt verkauft Lösungen, ein noch besseres Produkt aber, verkauft die Probleme gleich mit.
So sind es nicht nur die fraglichen Effekte die wir uns kaufen sondern auch die Anlässe diese Effekte zu erleben.

Eine Mustersituation könnte dabei ungefähr wie folgt aussehen:
Der Büroangestellte streift nach getaner Arbeit durch die Drogerie seines Vertrauens weil er noch Zahnpasta benötigt.
In dem Moment als er zufällig am Teeregal vorbeikommt breitet sich quasi ein Angebot an Gefühlszuständen vor ihm aus.
Nach Acht Stunden Akten hin und her schieben und Schlange stehen am Kopierer ist er mehr leer und ausgelaugt als das er noch irgendein konkretes Bedürfnis hätte.
kaminabendIrgendwas fehlt nur kann er es nicht wirklich in Worte fassen. Ja, der Tag hat ihn geschafft, doch fragt man ihn jetzt aus welchen Kräutern oder Teeblättern er sich eine Getränk zubereiten würde bekäme er wahrscheinlich nicht nur Fragezeichen über dem Kopf sondern wüsste vermutlich noch nicht einmal warum er es überhaupt in Erwägung ziehen sollte sich einen Tee aufzugießen.
Ein Blick in die Teeauslage der Drogerie hilft ihm jetzt jedoch um zu entscheiden wie er sich denn heute eigentlich fühlt.
Wenn er es sich genau überlegt, hatte er heute nicht viel zu lachen. Eine Tasse „Freu Dich“ schafft da bestimmt Abhilfe. Andererseits steht morgen vormittag ein Gespräch mit dem Chef an. Vielleicht ist eine Tasse „Hol Dir Kraft“ da eher die bessere Wahl.
Für beide Effekte liefert hier eine Tasse Tee nicht nur die entsprechende Ressource, sondern verbalisiert und konkretisiert gleichsam überhaupt erst den Bedarf an der Ressource.
Das Produkt belegt unseren Körper und/oder unsere Psyche scheinbar mit den Fähigkeiten den wir benötigen um unseren Alltag zu bewältigen. Man könnte hier auch von Selbstdoping sprechen.
Das ganze geht noch einen Schritt weiter, wenn wir uns Teenamen wie: Kaminabend, Landlust oder Hüttenzauber anschauen.
Hier kauft man mit einer Packung Tee nicht nur eine Fähigkeit oder einen Geisteszustand sondern quasi das Setting für eine ganze Situation.
In dem Moment in dem der Büroangestellte die Packung „Kaminzauber“ Einkaufskorb legt, macht er vermutlich schon in Gedanken zu Hause den Kamin an und legt sich eine warme Decke um die Beine.
Die 3ZKDB einer Stadtwohnung machen es natürlich schwer, nur mit einer Tasse Landlust in der Hand seinen Vorstellungen eines Autofreien Sommerabends auf der Picknickdecke zwischen Heuballen und Vogelgezwitscher näher zu kommen. Aus solchen Gründen sind es dann in vielen Fällen andere Produkte, die das „Landlust-Setting“ weiter illustrieren. Vollkornbrot vom Biobäcker, vielleicht belegt mit Käse der Marke „Landliebe“ und geschmiert mit einem schwer in der Hand liegenden Messer von Manufaktum.
Ohne diese Spirale weiter auszuführen zu müssen sollte klar geworden sein worum es bei diesem Phänomen der Konsumgesellschaft geht. Wolfgang Ulrich spricht hier von warenästhetischer Erziehung.

Sollte uns das jetzt verdrossen machen?
Ich denke nicht. Freilich kann es auch mal ganz schön sein den Partner oder Kollegen mit einer Tasse „heiße Liebe“ zu erfreuen oder sich auf eine Reise in den fernen Osten mit einem Becher „persischer Bazar“ zu begeben.
IMG_0635Das Leben in der Konsumgesellschaft scheint jedoch immer weniger Spielraum zu lassen für Gefühlszustände die keinen Namen haben.
Deshalb sollten wir uns bemühen uns innerliche Bastionen der Ungewissheit und des Zweifels zu erhalten, auch wenn es für diese vielleicht keine Lösung gibt.
Einfach mal nicht nach einem Angebot zu schauen kann durchaus genauso „heilsam“ sein wie eine Tasse „Magenfein“, „innere Ruhe“ oder „klarer Kopf“.
Denn wir können uns sicher sein, das sich die Spirale weiter drehen wird, ob wir wollen oder nicht.
Manchmal ist es wohl besser statt einer Portion Detox, Konzentration oder heißer Liebe, einfach eine Tasse Tee zu trinken!
Vor mir steht übrigens gerade eine Packung  “Janosch Faulenzer Tee” Diese Kräutertee-Mischung aus ökologischem Landbau ist ganz famos zum Träumen und Nixtun steht auf dem Schildchen.

Ich glaube ich könnte mal ne Pause gebrauchen. Morgen ist schließlich ein langer Tag…

 

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