Ein Dinosaurier unter den Tonträgern – Vinyl und das digitale Zeitalter!

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Ihre Zeit war nie wirklich vorbei und dennoch wirken Schallplatten wie eine Brücke in vergangene Tage!
Egal ob Neuveröffentlichungen oder dreißig Jahre alte Dachbodenfunde, 
Schallplatten sind vermutlich das einzige physische Medium das auch auf Dauer einen Platz im Herz des Rezipienten und eine Rolle im Vertrieb von Musik spielen wird.
Doch was macht den besonderen Charme dieses über hundert Jahre alten Mediums in einer digitalisierten Welt heute aus? Zumindest für mich persönlich, habe ich das herausgefunden!

Die Geschichte der Schallplatte ist sehr interessant und vor allem schon ziemlich alt. Genau genommen reicht sie bereits in das Jahr 1857 zurück, als der Franzose Édouard-Léon Scott de Martinville einer rußgeschwärzten Walze unter Zuhilfenahme einer Membran auf der er eine Schweineborste befestigte, schon erste Töne entlockte.
Viele werden noch den Begriff der sog. Schellackplatte kennen. Ja das sind die Dinger die auf VictorVPhonographden guten alten Grammophonen zum Einsatz kamen die in den 1920er und 40er Jahren schon viele Musikhörer erfreut haben.
Die kommerzielle Vervielfältigung der Schellackplatte und damit auch der Anstieg von Grammophonen im Heimgebrauch ist sogar schon auf das Jahr 1892 zurückzuführen.
Das Bild eines Grammophons mit seinem kunstvoll geschwungenen Trichter ist bis heute ein klassischer symbolträger analoger Musik geblieben und vermutlich den meisten Menschen der westlichen Hemisphäre wohl mehr als bekannt.
Was einige vielleicht nicht wissen ist, dass Schellack ein Naturmaterial ist und aus den Ausscheidungen von Schildläusen gewonnen wird, doch das ist eine andere Geschichte.

Das Grammophon und die Schellackplatte haben natürlich auch in meiner populärkulturellen Sozialisation ihren Fußabdruck  hinterlassen.
Um zu beschreiben, was mich heute zu einem begeisterten Vinylhörer macht können wir dennoch zu großen Teilen getrost, die nächsten vierzig bis fünfzig Jahre der Entwicklung der Schallplattenindustrie an uns vorbeiziehen lassen.
Letztendendes sind es wahrscheinlich sogar nur die letzten 10 Jahre der Geschichte meines Musikhörens, die die Schallplatte für mich zu dem sympathischsten aller Tonträger machen.

Wenn es um Musik und das Musikhören geht kann ich ziemlich schnell ins Schwärmen und auch ins Schwafeln geraten.
Deshalb werde ich hier nur auf die für mich wichtigsten Faktoren eingehen, die mich heute zum Vinylfreund machen und die vermutlich viele andere Plattenhörer mit mir teilen.

Dabei liegt die Betonung auf “heute” denn im Zeitalter einer kompletten Digitalisierung der Musikindustrie, die mit der Etablierung von Musikstreaming meiner Meinung nach einen neuen Abstraktionshöhepunkt erreicht hat, gehen für mich auch Gründe für den Musikgenuss auf Vinyl einher, die mich vor ein paar Jahren noch kalt gelassen hätten.
Den Audiophilen oder den Platten DJs unter uns wird die folgende Argumentation also nicht gerecht auch wenn es natürlich auch aus diesen Lagern viel zu sagen gäbe.

Der richtige Rahmen

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich betrachte die Entwicklung des Musikformates mp3, dem das Leben im Jahr 1982 am deutschen Fraunhofer-Institut eingehaucht wurde (auch das eine andere Geschichte) und auf dessen Fundament sich heute eine globalisierte Musikindustrie aufgebaut hat, keinesfalls als uninteressant oder gar als einen Rückschritt für Musikkultur- und Gesellschaft.
Auch die CD war lange Zeit das Medium Nr. 1 für mich, wenn es um Musik ging. Ihr Erfolg  lässt sich nicht Kleinreden. Dazu braucht man nur einmal einen Blick auf die  Massiven Absatzzahlen und vor allem auf den Rückgang der Produktion von Schallplatten in den letzen gut 25 Jahren zu werfen.CD Vinyl Skala

Trotz dieser immensen Verkaufszahlen,  sind die Tage der Compact Disc inzwischen gezählt und ihr eher verhaltener Nachhall in der Retro-Kultur bleibt das einzige Manko in einer ansonsten makellosen Geschichte des kommerziellen Erfolges.
Warum die CD heute nicht den Platz einnehmen kann, den die Schallplatte inzwischen bei vielen inne hat will ich im Folgenden ebenfalls aus meiner Sicht ein wenig darstellen.

Jäger und Sammler auf Speed

Seitdem Tonträger kommerziell vertrieben werden gibt es auch diejenigen die z.B. möglichst alle Veröffentlichungen ihres Lieblingskünstlers, Musik einer bestimmten Stilrichtung oder eines Labels dekorativ in Ihrem Wohnzimmer stehen haben wollen.
Neben dem Aspekt des des tatsächlichen Hörens der Musik steht diese ja auch immer für ein gewisses Lebensgefühl, eine Werteinstellung, ist ein ein Alltsagskondensator und hat somit auch eine identitätsstiftende Komponente.
Ähnlich wie Bücher hat man Tonträger also auch aus diesen Gründen gerne im Schrank stehen.
Eine besonderes seltene Veröffentlichung, ein inoffizielles Bootleg oder die aufwändig Gestaltete “Limited Edition” eines Albums heben den Tonträger dabei teilweise sogar  in den Status einer Trophäe für den heimischen Schrein.

Das Sammeln, Komplettieren und Suchen, nach seinen persönlichen “Objekten der Begierde” gehörte also schon immer dazu wenn es um Tonträger ging. Vinyl, die Kassette, CD oder sonstige Formate haben da nie einen Unterschied gemacht.

Die erste grundlegende Veränderung dieses Modus ereignete sich erst mit der Durchsetzung des mp3 Formats bei Musikenthusiasten. Die Digitalisierung der Musik war die erste Stufe ihrer physischen Entgrenzung.
Sie äußerte sich in der Möglichkeit mp3 Dateien jederzeit verlustfrei zu Vervielfältigen und in der Tatsache, dass der Tonträger, also die Festplatte des Computers oder z.B. der USB Stick die Beherbergung unzähliger Songs und Alben im mp3 Format ermöglichten.
Der Akt des physischen wurde mit einem Mal aus der Sammleridentität wegrationalisiert!

Obwohl die unkontrollierte Vervielfältigung von Musik mit der Zeit ein Dorn im Auge der Nutznießer  des Urheberrechtes wurde und diese (nach einer gewissen Schockphase) alles daran setzten diese Entwicklung aufzuhalten, änderte es nichts daran, dass das Sammeln von Musik für viele eine Schwerpunktverlagerung in Richtung Quantität zur Folge hatte.

Wir nahmen alle das wir kriegen konnten. Jeder Song konnte das Zünglein auf der Waage für den nächsten Vergleich mit anderen sein.
Dabei traten musikkulturelle Errungenschaften wie das Albumkonzept, das Mixtape oder die Live-Veröffentlichung zunehmend in den Hintergrund. Masse bedeutete Klasse; wir wurden quasi alle zu Jägern und Sammlern auf Speed.
Wenn die Gebärden der Musikindustrie ihre Kunden zu Kriminalisieren bis jetzt auch nur einen Vorteil hatten, dann ist es wohl der, dass sie ein wenig Mäßigung in den Rezipientenalltag zurückgebracht haben.

Jenseits von Jedem – verloren in Stream der Entgrenzung

Keine Frage das Internet hat die Wahrnehmung, den Vertrieb und die Rezeption von Musik aus vielen Perspektiven heraus schlicht und ergreifend revolutioniert. Sehr häufig geschah und geschieht das auf eine sehr positive Art und Weise.
Es bringt Künstler und Publikum dichter zusammen, es mischt bis heute die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Musikern auf, bzw. bringt diese in ein ausgewogeneres Verhältnis und lässt immer mehr Menschen in vorher unkekanntem Ausmaß an der Musikkultur partizipieren.

Doch eben gerade in dem Credo: “Alles zu jederzeit an jedem Ort” sehe ich inzwischen die neue Herausforderung für den Musikhörenden.
Das tragende Beispiel ist an dieser Stelle die aktuelle Entwicklung einer Musik-Streaming Infrastruktur im Internet. Damit gemeint sind Dienste wie Spotify, WIMP oder Rdio (um nur einige zu nennen). streamIst man bei einem dieser Dienste angemeldet, hat man unbegrenzten Zugriff auf einen scheinbar nicht überschaubaren Musikkatalog. Allein Spotify hat inzwischen über drei Millionen Songs gelistet, die Tendenz ist natürlich steigend.
Wer auf Musikstreaming setzt, trägt also sozusagen ständig den gesamten Output der Musikindustrie der letzen 60-70 Jahre mit sich herum. Das Jagen und Sammeln wird damit überflüssig.
Nach der physischen Entgrenzung von Musik in Form ihrer Digitalisierung und damit der zunehmenden Abschaffung von Tonträgern zum Anfassen hat sich nun eine zweite Stufe der Entgrenzung nach und nach etabliert.
Damit gemeint ist die Abkopplung der individuellen Selektions- und Beschaffungsmuster von Musik, vom eigentlichen Akt des Musik Hörens.
Mit einher geht damit ein Verlust der bereits oben erwähnten identitätsstiftenden Komponente des “Musik-Sammelns”.
Uns allen, so behaupte ich das mal, fällt es als Mitgliedern einer  materiellen Gesellschaft, ohnehin schon schwer genug das Eigentumskonzept mit dem wir groß geworden sind, in den virtuellen Teil der Welt zu übertragen.
Das Musikstreaming bringt diese Entwicklung jedoch noch einmal an einen neuen Höhepunkt, nämlich den, dass wir uns nun virtuelle Waren nichtmal mehr kaufen können/sollen, sondern eben nur noch die Berichtigung diese für einen begrenzten Zeitraum nutzen zu dürfen.

Versuche diese verloren gegangenen Elemente auch in die neuen  Formen des Musikkonsums wieder einfliessen zu lassen, stellen beispielsweise die Möglichkeiten dar seinen Musikgeschmack in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter zu teilen oder, wie auf Spotify üblich, eigene Playlists zu erstellen die dann von anderen Nutzern abonniert und angehört werden können.
Diese Möglichkeiten bewerte ich durchweg als positiv, sie sind eine Bereicherung für das Musikhören und ein positives Beispiel dafür das es die Musikindustrie so langsam tatsächlich im Internetzeitalter angekommen zu sein scheint, auch
wenn da noch viel Luft nach oben ist.

Dennoch schaffen es die aktuellen Gegebenheiten meiner Meinung nach nicht den verloren gegangenen Mehrwert der physischen Tonträger-Kultur vollumfänglich zu ersetzten.

Ich kenne Leute, die sich ernsthaft sorgen darüber machen was denn mit ihren ganzen Playlisten bei Spotify passiert, wenn der Laden mal zumacht oder sie aus irgendwelchen andern Gründen nicht mehr in der Lage sind den Dienst zu nutzen.

Auch wenn es natürlich völlig naiv wäre zu glauben eine Plattensammlung im Wohnzimmerregal sei ein Manifest für die Ewigkeit, bleibt das “Ausleihen” einer virtuellen “Musikhör-Identität” bei Streamingdiensten im Internet für mich eine fadenscheinige Angelegenheit.

Seine Mitte finden mit Vinyl

Kommen wir zum Punkt! Mein Plädoyer für das Plattenhören ist zu allererst mal dadurch geprägt, dass man es nicht allzu dogmatisch angehen sollte. Wie so häufig gilt es auch hier für sich ganz persönlich den Versuch zu starten das beste aus alles Welten zu vereinen.
Ohne das Internet wäre mein musikalischer Horizont um ein vielfaches kleiner, soviel steht fest.
Dennoch ist es meiner Meinung nach notwendig der oben angesprochenen Entgrenzung von Musik im digitalen Zeitalter ein wenig entgegenzuwirken.
Um meinen Redefluss auch hier bisschen zu zügeln werde ich mich auf die meiner Meinung nach schlagkräftigsten drei Argumente für das Plattenhören in der heutigen Zeit beschränken. Diese sind: Körperlichkeit, Reduktion und Fokussierung

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Körperlichkeit

Die Vorteile einer tatsächlich greifbaren Plattensammlung habe ich bereits weiter oben angesprochen. Was die Schallplatte für mich gegenüber der CD heute wie damals zum sammeln qualifiziert ist ihre Größe.
Es macht einfach viel mehr Spaß ein großes Plattencover in der Hand zu wenden, die Texte zu lesen oder es einfach anzuschauen. Auch Seitenschwere Heftbeilagen sind sind bei limitierten Editionen nicht unüblich.
Musik auf Vinyl sieht aber nicht nur besser aus, sondern ihre “Körperlichkeit” umfasst noch einen weigern Aspekt. Jeder der nach längerer Zeit mal wieder das auflegen einer Platte beobachtet oder dies selbst tut wird schnell merken, das die Kombination aus der Optik der sich drehenden Scheibe auf dem Plattenteller oder die evtl. hörbaren Mechanik des Spielers auf wundersame Weise mit dem Gehörten (also der Musik) eine Verbindung eingehen. Wir sehen was wir hören, wenn wir Schallplatten abspielen. Dieser Effekt erschafft eine besonders ausgeprägte Präsens der Musik ähnlich als wenn man vor einem Orchester sitzt oder einer andere Form vom Livemusik zuhört. Beim einlegen einer CD können solche Effekte zwar auch eintreten aber meiner Meinung nach nur in abgeschwächter Form.

Reduktion

Man könnte sagen, dass die Schnelligkeit unserer Lebenswelt sich auch in den dynamischen Playlisten von Streamingdiensten, Empfehlungsalgorythmen von Amazon oder Apples Genius widerspiegelt. Sie überspielt in uns geweckte Reize und Bedürfnisse der Konsumkultur, oft noch bevor wir uns wirklich darüber bewusst sind, schon mit der nächsten neuen Veröffentlichung die zu uns passen soll.
Durch den Kauf einer Schallplatte halte ich sozusagen ein eingefrorenes Bedürfnis in meinen Händen, dem ich mich nur so widmen kann wie es zum Zeitpunkt meines Kaufes beschaffen war.
Ein Album z.B. bei iTunes zu kaufen gleicht heutzutage in manchen Fällen schon eher einem Abo auf die Neuveröffentlichung eines Künstlers. So gibt es teilw. Rabatte auf den Albumkauf wenn man Singles vorab shoppt oder Remixe als Belohnung für eine Vorbestellung. Das Mixtape erfuhr seine Reinkarnation durch Dienste wie Soundcloud, öffnet jedoch auch hier Tür und Tor für eine akustische Reizüberflutung.
Das ist natürlich alles andere als schlecht, doch es gibt einfach auch Fälle in denen es heißt: weniger ist mehr!
Es macht einfach Sinn, sich manchmal, auf für eine selbst besonders wichtige musikalische Ereignisse zu reduzieren.
Wer sich des Mehrwertes beim Abspielen einer Platte gegenüber digitaler Musik im klaren ist, wird schnell auch den Aspekt der Reduktion, als selbstgetroffene Vorauswahl und als Aufwertung der Musik zu schätzen lernen.

Fokussierung

Habe ich mich auf für mich persönlich besonders wichtige Musik durch die Anschaffung der Vinyl-Version reduziert, kann ich mich dieser mit voller Aufmerksamkeit widmen.
Ich kann dem Trend zum weiterskippen, der sich beim hören digitaler Musik manchmal fast von alleine einstellt  konsequent entgegenwirken  und ein Album so wieder als Gesamtprodukt betrachten.
Ein Konzeptalbum z.B. lebt aus der Synergie aller auf ihm enthaltenen Songs und funktioniert zerstückelt in Playlisten einfach anders, oder eben gar nicht.
Es müssen nicht viele Platten sein die man im Regal stehen hat, doch die besonders wichtigen können gut und gerne weiter den persönlichen Musikschrein zuhause schmücken. Nur eine Hand voll Schallplatten drückt den persönlichen Geschmack besser aus als ein paar tausend mp3s auf dem Smartphone oder Computer.

Das beste aus allen Welten

Die digitale Musikkultur hat den Markt inzwischen fest im Griff. Das Internet bleibt dabei aber dennoch der Ort an dem sich weiterhin musikalische Kreativität, Vernetzung und subversive Strukturen einrichten und abspielen und das ist auch gut so.
Um der Reizüberflutung und Überforderungstendenz der aktuellen Musikkultur entgegenzuwirken sowie dem eigenen Verlangen nach Individualität und Authentizität durch Musik gerecht zu werden zu können, ist das Hören von Schallplatten meiner Meinung nach die passendste Ergänzung. Die Schallplatte ist ein Dinosaurier unter den Tonträgern und wird vermutlich noch ein längeres kommerzielles Dasein fristen als die CD. Außerdem hat sie und hat unterm Strich auch einfach mehr Charme als diese.
Achso, auch das stöbern in Plattenläden und auf Flohmärkten macht übrigens viel mehr Spass als bei Amazon oder iTunes auf “jetzt kaufen” zu klicken, aber wem sage ich das.

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